Rezensionen….

Werwolf oder Taube“ von Rafaela Thoumassian

Rezension von Horst Schäfer, Richter am Verwaltungsgericht Wiesbaden i.R.

Die Geschichten, Leiden, Torturen der unmittelbaren Opfer von Völker- und Massenmorden sind vielfach autobiografisch, biografisch und psychologisch-, psychosomatisch- und neurologisch-wissenschaftlich beschrieben worden. Man denke an Johannes Lepsius, Armin T.Wegner, Franz Werfel, Jean Améry, Imre Kertesz, Primo Levi, Marcel Reich-Ranicki, Jorge Semprun, Louis Begley, Rudolf Vrba, Wladislaw Szpilman, Alexander Mitscherlich u.v.a. Erst etwa 20 Jahre nach dem Holocaust begann sich die Meinung durchzusetzen, dass psychische Störungen und psychosomatische Gesundheitsstörungen keineswegs bald nach dem Ende der erlebten Stresssituationen ihr Ende gefunden haben. Erst dann wurden die Tiefenwirkung, die Weiter- und Langzeitwirkung der erlebten Verfolgungsmaßnahmen erkannt und anerkannt.

Was Völker- und Massenmorde in den Nachfahren der 1. und 2. Generation der unmittelbaren Opfer angerichtet haben, ist demgegenüber bisher wenig thematisiert worden. Worin besteht die Identität der Exilnachfahren, wo ist ihre Heimat? Sten Nadolny und Bernhard Schlink etwa haben sich dieses Themas in ihrem literarischen Werk angenommen. Wirken die Traumata der unmittelbaren Genozid-Opfer in deren Nachfahren nach? Wer jemals mit Nachfahren der Armenozid-Opfer Kontakt hatte, kann diese Frage uneingeschränkt bejahen. Sie erfahren nicht die Gnade der späten Geburt. Wie ein Schleier eines generationenübergreifenden Kollektivtraumas liegt der Völkermord an den Armeniern auch auf den Nachfahren. Und diese suchen noch heute verzweifelt nach Antworten auf die Frage, weshalb auch sie noch damit belastet sind/werden. Sie können diese Beschwer nicht ablegen, weil die politischen Nachfahren der türkischen Tätergeneration ihre Schuld bis heute noch leugnen, verdrängen, bagatellisieren und relativieren. Es entspricht einer tiefen menschlichen Erfahrung, dass sich Schuldbeladene nicht exkulpieren können, solange sie sich nicht dazu bekennen. Solange aber die Opfernachfahren in solcher Exkulpation der Täternation den einzigen Weg zu einem eigenen Standort, zur eigenen Erlösung, zur Wiedererlangung einer eigenen Würde erkennen, kann es keine Erleichterung für sie geben.

Das hat Rafaela Thoumassian erkannt und seit Jahren nach einem Ausweg gesucht. Sie hat einen Ausweg für sich gefunden, der auf ihrer christlichen Nächstenliebe fusst. Vergebe den Tätern und löse damit nicht nur die Verstrickung des ansonsten untrennbaren und unentwirrbaren Bandes zwischen Tätern und Opfern sondern entlaste und befreie dich damit selbst. Sie lässt ihre Romanakteurin Lilith – nicht zufällig eine Frau – weit über dieses christliche Motiv hinausgreifen, denn dieses Motiv existiert in allen Religionen, z.B. in der islamischen Religion der türkischen Täternation. Der Koran verkündet „Liebe für alle, Haß für keinen“. Rafaela Thoumassian tritt – auf den Spuren Simone de Beauvoirs – über dieses altruistische Motiv hinaus auch dafür ein, dass Eva Früchte vom Baum der Erkenntnis, nicht vom Baum der Sünde gegessen hat, und sich damit als das von Natur aus klügere Wesen gezeigt hat. Das stärkt sehr die Rolle ihrer Romanheldin Ana.

Die Autorin hat 3 Reisen nach Armenien unternommen um ihren Standort, ihre Heimat und ihre Identität zu suchen und darüber Tagebuchskizzen angefertigt. Diese Einträge verwebt sie mit einer poetischen Märchenerzählung, die an – den in Literatur und Musik vielfach variierten Stoff von – Fouqués Märchenerzählung „Undine“ mit dem lebensbedrohenden und lebensspendenden Element Wasser erinnert. So schreibt Rafaela Thoumassian ein modernes Undine-Märchen, in dem dem Leser neben dem klugen Großvater Hayrabet, dem zunächst unbekannten Fremden Saro, dem schüchternen Metzger Ara, dem Frauenheld Levon, der leidenschaftlichen griechischen Bistrobetreiberin Tassula, dem verklemmten Apotheker Armenak, dem alkoholsüchtigen Arzt Toros auch zeitgenössische Protagonisten wie die großartige armenische Sängerin Lusine Sakarjan und der verfolgte türkische Schriftsteller Dogan Akhanli begegnen. Die Autorin blättert das Leben in einem kleinen armenischen Dorf der Nachgenozidzeit auf und häutet dabei Stück für Stück die Zwiebel ihrer Seelenlage wie Günter Grass in einem seiner letzten Romane. Der Leser erlebt die Befreiung und Erlösung der Protagonistin Ana von ihrem Erbtrauma wie ein Märchen vom letzten Gedanken. Der Weg dorthin ist steinig, schmerzhaft, eine spannende, lehrreiche Auseinandersetzung mit Heimatsuche und Identitätsfindung, ein Stück Heilung durch Auf-den-Weg-Machen. Ob es der letzte Gedanke bleiben wird, mag offen bleiben.

Dietzenbach, im August 2015


„Werwolf oder Taube“ – Roman einer Armenierin auf neuen Wegen der Erinnerung

Endlich gibt es auch deutschsprachige Literatur von armenischer Seite (!) zur Aufarbeitung von „Aghet“ – dem Völkermord, der großartig geschrieben und tief und (selbst-)kritisch in seinem Blick ist. Der Roman kommt leicht und spannend zu lesen daher wie ein sehr gut komponierter Fantasy-Roman. Aber voll ernster Realität. Und auch voll Witz. Die Geschichte bewegt sich zwischen der „realen“ Welt einer modernen deutschen Armenierin, die auf der Suche nach ihren Wurzeln mehrere Reisen nach Armenien unternimmt – und einer „Fantasy“-Welt auf dem Grund des sagenumwobenen armenischen Sewan-Sees, die nicht weniger real ist: Die Protagonistin Ana trifft dort ihre Ahnen, kann mit ihnen sprechen und schafft es, in diesen tiefen Gesprächen das dunkle Grauen des Völkermords in großen (Traum-)Bildern aufzuarbeiten. All das kommt in starken und vielfältigen Bildern herüber – und ist sehr kurzweilig geschrieben. Man „lebt“ ihre große Ambivalenz mit, ihr Schwanken zwischen dem „Werwolf“, welcher abgedrängt ins Geleugnete, Verhärtete und Unbewusste wie ein ewiger dunkler Wiedergänger immerzu Hass, Rache und Gewalt heraufbeschwört – und der „Taube“, die trauert und sich nach Liebe und Frieden, Vergebung und Erlösung sehnt. Auch moderne Verbündete dieser Sehnsucht – etwa der ermordete armenische Journalist Hrant Dink * oder der türkisch-deutsche Schriftsteller Doğan Akhanlı – begegnen ihr in diesem See der Erinnerung und werden Teil ihres Ringens um sich selbst. In ihrem Tauchgang zu den Anfängen sucht die Autorin statt nach Schuld nach Liebe. Scharfsinnig und mit unbeirrbarer Konsequenz hinterfragt sie dabei nicht nur die christlichen Wurzeln der armenischen Kultur sondern auch die vorchristlichen.  Die Protagonistin kommt zu einem erstaunlichen Entschluss…

Das Buch ist im besten Sinne ein Stein des Anstoßes. Aber auf eine so liebe-volle Weise, die uns allen sehr gut und not tut. Ein Buch zum neu Nachdenken und neu Nachfühlen über „Aghet“ – nicht nur für Menschen mit armenischen Wurzeln.  Es wird irritierende und positive Impulse für diejenigen auf allen Seiten geben, deren „Erinnerung“ nach so langer Zeit verstellt und verfestigt ist von  Fühllosigkeit, von vorgefertigten Gedanken  und von verordneten Ritualen. Hier ist Erinnern mit neuen, klaren Wassern gewaschen – ein frischer, warmer Strom aus der Tiefe des Menschlichen öffnet Wege aus Erstarrung und finsterer „Selbstverständlichkeit“.

* Hrant Dink sah es als seine Lebensaufgabe – und setzte sein Leben dafür ein -, als Armenier neue Bewegung in die Erinnerung aller zu bringen und die „Lager“ sowie Feindbilder zu überwinden. In seiner armenisch-türkischen Zeitung „Agos“ schrieb er dazu u.a.: „Es war ein Fehler der Armenier, ihr Selbstbild und ihre Identität so lange an die Anerkennung des Völkermords durch Franzosen, Deutsche oder Amerikaner und vor allem durch die Türken zu binden. Ich stelle der armenischen Diaspora immer die gleiche Frage: `Was ist wichtiger, die Demokratisierung der Türkei oder ihre Anerkennung des Völkermords?`Brauchen wir Parlamentsbeschlüsse aus den verschiedenen Ecken der Welt? Wird das, was wir wissen, wirklicher, wenn andere es anerkennen?  Stärkt es unseren inneren Frieden, wenn unsere Wirklichkeit Spielball ihrer Ungnade oder Gnade ist? Kann ihr verrostetes Gewissen denn Trost für unsere Herzen sein? Lasst uns mit diesem Spiel aufhören.“

von Ulrich Klan – Autor,  Pädagoge, Komponist – u.a. „Wie eine Taube“, Requiem für Hrant Dink – , Mitbegründer und Vorsitzender der Armin T. Wegner Gesellschaft e.V. www.armin-t-wegner.de


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