Meine Reise während des Schreibens…

Es hat eine halbe Ewigkeit gedauert, bis ich trotz aller Ängste den Mut aufgebracht hatte, in meine Heimat zu reisen. War es überhaupt meine Heimat? Ich war in Deutschland geboren und aufgewachsen, fühlte mich aber, solange ich denken kann, immer als Fremde. Von Armenien träumte ich immerzu und idealisierte es wie ein Märchenland. Was hätte es für Konsequenzen für mich gehabt, einmal tatsächlich nach Armenien zu reisen? Nichts geringeres, als enttäuscht zu werden und nichts geringeres, als zu erfahren, dass auch Armenien nicht meine Heimat war. Und dann hätte ich noch nicht einmal mehr träumen können…
Trotz allem ertrug ich eines Tages nicht mehr die Ungewissheit! Ich reiste zwei Mal nach Armenien und schrieb alles sorgfältig auf, da ich spürte, wie wichtig diese Reisen waren. Die Intention wurde geboren, dieses Buch zu schreiben: Ich fragte mich, wie viele Exil-Armenier meine anfänglichen Ängste teilten, und wie viele aus diesen Ängsten heraus vielleicht niemals in das Land ihrer Ahnen reisen würden? Und so wollte ich durch mein Buch die Möglichkeit geben, mit mir gemeinsam zu reisen. Ganz so, als nehme ich meinen Leser bei der Hand, und zeige ihm, dass alles gar nicht so schlimm ist…
Das hatte ich geplant. Doch der Mensch dachte und Gott lachte…
Es begann damit, dass ich meinen Reiseberichten ein „klein wenig“ Familiengeschichte voranstellen wollte und über meinen Großvater schrieb. Während des Schreibens schien sich ein Tor in mir zu öffnen und es kamen Wellen von starken und fremden Emotionen über mich, die mich ängstigten.
Von diesem Moment an hatte das Buch eine Eigendynamik.
Ich spürte, dass dies kein Buch werden würde, dass ich 5 Minuten nach Feierabend schreiben könnte, und so zog ich mich immer wieder von meiner Alltagswelt in ein Kloster zurück. Es folgten Reisen in mein Inneres, tief bis zu meinen Ahnen, und mir wurde das erste Mal bewusst, wie unglaublich stark ich selbst mit Armenien verwurzelt war…
Ich bin in einem kulturellen „Dreiländereck“ aufgewachsen (Armenien/Deutschland/Türkei) und ich sehe es als Geschenk an, mit diesen unterschiedlichen Kulturen vertraut zu sein. Jede für sich hat einen sehr eigenen Charakter und einen individuellen Bezug zu ihrer Vergangenheit.
Zu meinen Vorbildern zählen die alten armenischen Märchenerzähler, die ein Gefühl für das richtige Maß zwischen Tiefe und Leichtigkeit hatten und durch ihr Einfühlungsvermögen als Mittler zwischen Orient und Okzident galten.