Antaram II

Als sich an einem Freitagmorgen das Stadttor öffnete und ein Fremder Antaram betrat, lag eine solche Spannung in der Luft, als kehre ein langersehnter König nach etlichen Jahren des Exils wieder in sein Reich zurück. Die ersten, die den Fremden sehen sollten, waren drei alte barfüßige Männer, die auf einer Bank saßen, Kürbiskerne knabberten und dabei von den Vorzügen weiblicher Rundungen schwärmten. Als sich jedoch das große Holztor öffnete – und das hatte es seit einer geraumen Zeit nicht mehr – verstummten die drei und starrten den Eindringling mit offenen Mündern an, in denen nur noch wenige Zähne die Stellung hielten.

Vom Stadttor führte ein schmaler Schotterweg direkt in die Stadt hinein, wo strahlend weiße Häuser mit rotbedeckten Dächern in der Sonne blitzten. Je tiefer sich der Fremde in den Stadtkern hineinbegab, desto enger wurden die Gassen, die mit glänzendem Kopfstein gepflastert waren. Viele der dicht aneinandergedrängten Gebäude hatten kleine Gärten, in denen üppige Aprikosenbäume wuchsen. Während vorspringende hölzerne Obergeschosse mit blumenartigen Ornamenten verziert waren, schmückten Kletterrosen die weißen Mauern. Die vor Hitze flirrenden Straßen wurden durch das lebhafte Gezwitscher zahlreicher Schwalben begleitet, die sich unter den Dächern ihre Nester gebaut hatten. Und am Ende jeder noch so langen Gasse plätscherte ein kleiner Brunnen vor sich hin, während der Schatten wohlduftender Walnussbäume zur Rast einlud.

Um einen der Brunnen hatte sich eine Gruppe von Jungen versammelt, die sich gegenseitig mit Wasser bespritzten. Als sie den Fremden bemerkten, unterbrachen sie ihr Spiel und verstummten. Gleichzeitig kam aus der Apotheke des Ortes ein sehr fein gekleideter Mann in beigefarbenem Anzug und Monokel auf die Straße gerannt, um nachzusehen, was wohl den Kindern die Sprache verschlagen hatte. Ein kleines Mädchen, dessen Esel mit Körben voll ofenwarmem Brot behangen war, blieb mitten auf der Gasse stehen, während einem Metzger mit markantem schwarzen Schnurrbart vor Schreck der Besen aus der Hand fiel.

Die Luft war an jenem Freitagmorgen von solcher Spannung erfüllt, dass niemand es wagte, auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Und zudem sah der Fremde alles andere als vertrauenserweckend aus. Er war groß und blass, offenbar hatte seine Haut sehr lange keine Sonne mehr gesehen, und am Leib trug er Kleidung, die zerschlissen und abgetragen war. Seine Statur ließ darauf schließen, dass er einmal stattlich ausgesehen haben musste, doch wirkte sein Gesicht nun hager und eingefallen. Das Haar war dunkel und leicht gelockt und hing ihm bis zur Schulter herunter, ein dichter Vollbart umgab seinen ernsten Mund, bei dem man sich nicht vorstellen konnte, dass er jemals lachte. Doch das Eindringlichste waren seine dunklen Augen, die traurig glänzten und einem bis auf den Grund der Seele sahen.

Trotz seiner verwahrlosten Erscheinung schritt der Fremde stolz und erhobenen Hauptes durch die Gassen. Obwohl ihn jeder anstarrte, lief er unbeirrt durch die Menschengruppen hindurch, bis er schließlich vor einem Mann stehen blieb. Hayk, der Bürgermeister, hatte sich als letzter in die neugierigen Stadtbewohner eingereiht und lächelte ihm nun mit ausgestreckter Hand entgegen. Doch anstatt Hayks Gruß zu erwidern, drückte der Fremde ihm ein Zaumzeug in die Hand, auf dem etwas eingraviert zu sein schien.

Hayrabet“, las Hayk langsam.


taubefrei

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