Armenisches Tagebuch I

Irgendwo in Deutschland, mitten in der Nacht.

In elf Stunden ist es so weit.
In elf Stunden werde ich eine Reise antreten, die mein bisheriges Leben auf den Kopf stellen wird.
In elf Stunden werde ich an einen Ort reisen, von dem ich mein gesamtes Leben geträumt habe, nach dem ich mich mein ganzes Leben gesehnt habe und an dem ich bis jetzt noch niemals war.
In elf Stunden werde ich in meine Heimat reisen, nach Armenien.

Ist es überhaupt meine Heimat?

Alles begann mit einer nie gekannten Unruhe. Ich war so aufgewühlt, dass ich eine ganze Woche nicht schlafen konnte. Ich legte mich zwar immer wieder hoffnungsvoll ins Bett – doch der Schlaf wollte einfach nicht bei mir einkehren. Stattdessen wälzte ich mich stundenlang im Bett, bis ich das Gefühl hatte, an der Flut meiner Gefühle und Gedanken zu ersticken. Ich musste aufstehen – ich hatte keine Wahl – und mich mit einem Schreibblock, einem Glas armenischen Kognak und Musik von Djivan Gasparian in die Küche setzen. Dort schrieb ich alle Gedanken nieder, die mir durch den Kopf schwirrten, bis ich mich irgendwann völlig übermüdet wieder ins Bett begab, um die viel zu kurze Zeit zu schlafen, bis der Wecker klingelte.

Was mich so aufwühlte?

Da war diese Stimme in mir. Das an sich war es nicht, da diese Stimme schon mein ganzes Leben in mir war, mal lauter, mal leiser. Mal konnte ich sie klar hören, mal überhörte ich sie, als sei sie von einem unsichtbaren Lautstärkeregler gesteuert. Doch das ging nun nicht mehr! Diese Stimme schrie in mir! Unaufhörlich! Sie schrie bis in den Himmel – so als wäre der Knopf des Reglers einfach abgefallen.

Was sie sagte?

Sie sagte nur ein einziges Wort, und doch gab es zu jener Zeit kein mächtigeres Wort für mich, denn das Wort war bis zum Rand mit Sehnsucht gefüllt:

A R M E N I E N

Ich hatte mir schon oft vorgenommen, nach Armenien zu reisen. Doch da war immer etwas, was wichtiger schien, sodass ich es aufschob. Und genau das ging jetzt nicht mehr! Also beschloss ich, endlich diese Reise anzutreten. Und als ich den Entschluss gefasst hatte, konnte ich wieder schlafen.

Mit welchen Augen werde ich das Land sehen? Wird es mich verändern? Werde ich Deutschland danach mit anderen Augen sehen? Werde ich nach der Reise endlich Wurzeln schlagen? Werde ich in Armenien bleiben wollen? Werde ich endlich wissen, wo ich hingehöre, mich entscheiden, oder werde ich ganz und gar heimatlos sein?

Das wäre schlimm.
Jetzt kann ich noch träumen, mir etwas vormachen, es aufschieben…
Aber nein. Das ist es ja gerade. Ich kann es nicht mehr! Ein Teil von mir – ist es meine Seele? – lässt das nicht mehr zu.

Ob ich Angst habe?
Ich zittere vor Angst.
Es steht so viel auf dem Spiel.
Es besteht die Gefahr, Vollwaise zu werden.
Doch wenn ich nicht gehe, werde ich es niemals herausbekommen.
Ich habe einmal gelesen, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist.
Ich möchte nicht, dass meine Ängste meinen Weg bestimmen.
Wer sich nicht traut, ist kein Mensch, sondern ein Häuflein Dreck!
Das hat Jonathan Löwenherz einmal gesagt.

taubefreiMeine Familie stammt übrigens aus dem westlichen Armenien, dem Kernland um den Berg Ararat, in dem sich Armenier vor mehr als 3.000 Jahren angesiedelt haben. Seit einer halben Ewigkeit ist Armenien in Ost und West unterteilt. Zuletzt haben sich die Osmanen den westlichen und die Russen den östlichen Teil einverleibt, womit der Osten 70 Jahre lang unter Sowjetherrschaft stand. Dieser östliche Teil ist seit einigen Jahren eigenständig, so dass für Exil-Armenier endlich die Möglichkeit besteht, freien Heimatboden zu betreten.

Der Westen wurde zuletzt im 15. Jahrhundert von den Osmanen eingenommen, wodurch aus den armenischen „Ureinwohnern“ bald die geduldete christliche Minderheit wurde. Dann wurde daraus die unterdrückte christliche Minderheit, und Anfang des 20. Jahrhunderts wollte man sie am liebsten ganz beseitigen. Und das wurde so gründlich geplant und in die Tat umgesetzt, dass es um ein Haar gelungen wäre. In den Jahren 1915 und 1916, während des Ersten Weltkrieges, wurden im Osmanischen Reich unter den Augen des verbündeten deutschen Kaiserreichs 1,5 Millionen Armenier getötet­ – und das war für die damalige Zeit eine logistische Glanzleistung, die von den Nazis keine 25 Jahre später perfektioniert werden sollte.

Wie gesagt sind wir „Wessis“. Meine Urgroßeltern und Großeltern, die diese schlimme Zeit betraf, stammen aus Kappadokien. Die Armenier, die dieser Hölle entfliehen konnten, flohen entweder ins Ausland oder nach Konstantinopel, das verstärkt im Lichte der Öffentlichkeit stand und sicherer schien. Die neue Generation, meine Eltern, wurde somit in Istanbul geboren. Sie wuchsen als Minderheit auf, die weder öffentlich ihre Sprache sprechen, geschweige denn über ihre Vergangenheit reden durfte. Sie träumten davon, auszuwandern und endlich frei zu sein. Sie entschieden sich für Deutschland, ich glaube, mein Vater wollte unbedingt nach Deutschland. Erst viel später wurde mir die Ironie dieser Entscheidung bewusst: Sie flohen aus dem Land, in dem ein Großteil ihrer Familie getötet worden war, in das Land, das tatenlos alles mit angesehen hatte. Meine Verwandtschaft hatte sich für Frankreich, Kanada und die Schweiz entschieden.

Deutschland sollte zu meiner neuen Heimat werden. Doch dazu ist es nie ganz gekommen.

„Du bist in Deutschland geboren und aufgewachsen, deswegen ist Deutschland deine Heimat. Wie kannst du dich nach etwas sehnen, das du nicht kennst!“

Die Menschen können so einfältig sein und von etwas reden, von dem sie keine Ahnung haben. Denn obwohl ich eine Meisterin der Anpassung war und man mich nicht für eine Fremde hielt, habe ich mich doch immer als solche gefühlt. Armenien, das ich nie gesehen hatte und das gefühlt so weit weg wie der Mond schien, besuchte ich in meiner Sehnsucht und in meinen Träumen.

Meine Eltern und die armenischen Kulturvereine leisteten ganze Arbeit und vererbten mir die armenische Kultur, die Sprache, den christlichen Glauben und das Zugehörigkeitsgefühl. Was mir leider auch vererbt wurde, war das schwere Gefühl, das mit dem Völkermord zusammenhängt.

Ich fasse zusammen: Ich bin 29, Deutsch-Armenierin, habe mich so lange ich denken kann niemals ganz zugehörig gefühlt und idealisiere ein unbekanntes Land. In knapp zehn Stunden fliege ich in dieses Land, oder besser, in das, was von der alten Heimat übriggeblieben ist und endlich für Exil-Armenier, seien es Ossis oder Wessis, frei begehbar ist.

Armenisches Tagebuch II