Armenisches Tagebuch II

 

Montagabend, erste Woche

Letzte Nacht konnte ich endlich ein wenig schlafen. Irgendwann lässt der Körper keinen Kompromiss mehr zu. Es ist einfach so viel, was ich sehe und fühle, dass ich erst abends im Bett mit dem Verarbeiten beginnen kann.

Heute lief ich mit Patty über den Platz der Republik, wobei uns immer wieder Passanten entgegenkamen, von denen ich armenische Wortfetzen aufschnappte. Aufgeregt zog ich an ihrem Arm, um ihr mitzuteilen, dass gerade jemand Armenisch gesprochen hatte. Sie blieb stehen, grinste mich an und erklärte mir in einem viel zu langsamen Ton, dass wir in Armenien seien und dass das hin und wieder vorkomme. Ich musste selbst lachen, aber es ist nun einmal neu für mich, dass meine Muttersprache die Regel und nicht die Ausnahme darstellt. Ich bin sehr gespannt, wie oft deswegen noch Adrenalin durch meinen Körper jagen wird.

 

Dienstagnacht

Ich kann wieder nicht schlafen! Ich bin viel zu aufgedreht! Heute ist etwas mit mir geschehen, das ich noch nicht verstehen kann.
Wir haben heute das Kloster Haghpat besucht, eine Klosteranlage, die zum Weltkulturerbe erklärt wurde.
Ich lief die saftigen Wiesen vor dem Klostergebäude entlang, an den Rand des Bergplateaus, und schaute in die Ferne.
Die dicht mit Bäumen bedeckten Berge bildeten einen atemberaubenden Kontrast zum satten Blau des Himmels.
Die Sonne wärmte mein Gesicht und ich lächelte zurück.
Ich fühlte mich unmittelbarer und näher mit diesem Ort verbunden, als irgendjemand aus der Gruppe – und genau das war neu für mich!
Ich meine, dass nicht ich fremd war, sondern die Anderen!
Das war ein atemberaubendes Gefühl!
Und wie ich in die Ferne schaute, hätte ich am liebsten, ach… ich wäre am liebsten…
geflogen.

 

Der Süden

Wir sind oft zu Fuß unterwegs, die Sonne brennt uns ins Gesicht, die Wanderungen sind anstrengend, doch ich kenne keine Müdigkeit mehr! Hier im Süden bin ich voller Kraft, voller Energie, ich könnte immer weiterlaufen, ohne mich dabei jemals an dieser unvergleichlichen Natur satt zu sehen. Ich sauge die Schönheit in mich auf, inhaliere sie, versuche sie in meine Erinnerung zu meißeln. Voller Demut betrete ich den Boden meiner Ahnen. Ich laufe nicht wie sonst, sondern setze jeden Schritt achtsam auf diese alte, ursprüngliche Erde. Viele aus der Gruppe haben mir schon gesagt, dass ich aufgeblüht sei, schöner geworden bin. Johann meint sogar, ich wirke derart berauscht, dass er sich fragt, ob ich nicht irgendwann umfalle.

Ich habe vergessen, was Erschöpfung ist! In mir ist so viel Kraft freigesetzt worden, dass mir allein der Gedanke an träge oder schlecht gelaunte Tage unvorstellbar ist. Ich fühle mich, als hätte ich endlich ein wenig verschnauft und als wäre ich das erste Mal in meinem Leben wirklich zur Ruhe gekommen. Ist das Heimat?

Antaram II